Karriereplanung in der Medizin: «Es geht immer eine Tür auf!»

Medizinische Karrieren verlaufen selten geradlinig. Oft sind es Zufälle, die ihnen eine andere Richtung geben. Nora Bienz hat das selbst erlebt und sieht es immer wieder bei Gesprächen, die sie als Mentorin im Rahmen des Programms «Coach my Career» mit jungen Kolleginnen und Kollegen führt.

vsao-Journal

17.08.2026

Nora Bienz, du hast geholfen, Coach my Career aufzubauen. Was war ursprünglich euer Anstoss, was wolltet ihr erreichen?

Die Idee war, junge Ärztinnen und Ärzte bei der Karriereplanung zu unterstützen. Wir wollten Coachinggespräche mit etablierten Medizinerinnen und Medizinern anbieten und so vor allem auch die Abhängigkeit von den eigenen Vorgesetzten lösen. Wenn sich jemand überlegt, das Fach oder den Betrieb zu wechseln, kann man das im Normalfall nicht direkt mit Vorgesetzten besprechen. Unsere Idee war es deshalb, einen Safe Space zu schaffen, ausserhalb des Spitals. Die Ratsuchenden sollen ein vertrauliches Gespräch führen können mit Personen, die viel Erfahrung haben. Konkret funktioniert das Programm so, dass sich die Ratsuchenden mit ihrem Anliegen melden. Danach werden zwei Coaches gesucht, üblicherweise jemand aus dem eigenen Fach und eine fachfremde Person. Diese bereiten sich auf das Gespräch vor und vereinbaren mit der Rat suchenden Person einen Termin für ein rund zweistündiges Gespräch zu dritt, das vor Ort oder auch online stattfinden kann.

Wer sind die Ratsuchenden, die sich bei euch melden?

Es sind schon mehrheitlich junge Menschen, auch viele Studierende. Wenn du zum Beispiel so wie ich nicht aus einer Medizinerfamilie kommst und keine Ahnung hast, wie das System funktioniert, dann brauchst du Personen, die dir helfen. In vielen Spitälern gibt es Ärztinnen oder Ärzte, die eine Mentorenrolle übernehmen. Fehlen diese Personen, fühlen sich gerade junge Ärztinnen und Ärzte schnell einmal allein. Diese Lücke wollen wir füllen. Gleichzeitig gibt es viele Anfragen von Personen, die z. B. schon seit fünf oder sechs Jahren im Beruf sind und irgendwie anstehen. Sie merken vielleicht, dass die Fachrichtung nicht stimmt, oder persönliche Veränderungen wie Familienzuwachs beeinflussen ihre Karriereplanung.

Was sind die häufigsten Fragestellungen?

Die Ratsuchenden fragen sich, welchen Weg sie wählen sollen, was der nächste Schritt sein soll oder welcher Ablauf von Karriereschritten Sinn macht. Andere haben Fragen dazu, wie sie ihr Leben mit der Medizin gestalten können, wie sie die hohen beruflichen Anforderungen mit Freizeit und anderen Bedürfnissen unter einen Hut bringen. Und ebenso oft sind es Personen, die an einem Wendepunkt stehen, also zum Beispiel nicht wissen, ob sie das Fach wechseln oder sogar die Medizin ganz aufgeben sollen. Das sind Personen, die schon viel investiert haben und dann in einer Situation sind, wo sie das Gefühl haben, dass es doch nicht passt.

Wie helft ihr diesen Leuten?

Ich lerne als Coach ja auch viele andere Coaches und ihre Karrierewege kennen. Es zeigt sich immer wieder, dass die Karrieren selten geradlinig verlaufen. Vieles ist von Zufällen abhängig. Das habe ich selbst in meiner eigenen Karriere auch erlebt. Für die Ratsuchenden ist es sehr beruhigend zu hören, dass ich beispielsweise zuerst in der Gynäkologie arbeiten wollte, und jetzt bin ich in der Intensivmedizin und bin erfolgreich und glücklich. Wir können so ein wenig die Angst davor nehmen, dass man irgendwann eine falsche Entscheidung trifft und dadurch die ganze Karriere zerstört. So läuft es eben nicht, sondern es geht immer wieder eine Tür auf, die vielleicht sogar besser passt. Vielen Ratsuchenden hilft es, wenn sie das hören.

Da wir immer zwei Coaches sind, können wir auch die Unterschiede der verschiedenen Wege gut aufzeigen. So etwa, welche Möglichkeiten es im Spital gibt oder wie cool es sein kann, selbstständig in einer Praxis zu arbeiten. Die Ratsuchenden sind manchmal wie in einem Tunnel, sehen die Möglichkeiten gar nicht mehr. Dann können wir den Fächer aufmachen und zeigen, dass es ganz viele Varianten gibt.

Es ist für junge Ärztinnen und Ärzte schwieriger geworden, eine passende Stelle zu finden. Stellt ihr das auch fest?

Ja, ich nehme das auch wahr. Das Wichtigste ist, dass sich junge Ärztinnen und Ärzte nicht entmutigen lassen, auch wenn sie eine oder mehrere Absagen erhalten. Es gibt immer verschiedene Optionen, und wenn es mit der Wunschstelle nicht auf Anhieb klappt, gibt es oft gute Überbrückungsmöglichkeiten, ohne dass man ein Jahr verliert. Es braucht aber schon auch eine gewisse Offenheit: Man sollte sich nicht auf einen einzigen Weg festlegen. In der Regel gibt es nicht nur ein Fach, das zu einem passt. Nicht nur beim Einstieg, sondern auch später ist sicher wichtig, dass man Kontakte knüpft und pflegt. Wenn man etwa im Studium schon weiss, wo man hinwill, lohnt es sich, sich im Wahlstudienjahr da zu bewerben. So kann man einen Eindruck hinterlassen, hat einen Fuss in der Tür und kann seine Chancen auf eine Stelle erhöhen.

Wie ist deine eigene Karriere verlaufen? Was hat dir bei deinem Weg geholfen?

Ich wollte unbedingt in der Gynäkologie tätig sein, begann jedoch in der Chirurgie. Im ganzen ersten Jahr schrieb ich viele Bewerbungen, fand aber keine Anschlussstelle. Danach landete ich eher zufällig in der Intensivmedizin und hatte dort eine Chefin, die eine unglaublich gute Mentorin war und bis heute eine wichtige Person in meinem Leben geblieben ist. Das stellte die Weichen für eine komplett andere Fachrichtung, die ich damals noch gar nicht kannte. Dann war ich in der Inneren Medizin und blieb ein bisschen länger, als ursprünglich geplant, weil es einfach ein guter Ort war. Das finde ich wichtig: Wenn es irgendwo gut ist, muss man nicht immer gleich weitergehen. Danach wollte ich ein Fremdjahr auf der Anästhesie machen, fand aber wieder keine Stelle. Ich erweiterte das Spektrum und fand im Wallis eine Stelle, auch wenn ich dadurch pendeln musste. Man braucht sicher fachlich und auch örtlich eine gewisse Flexibilität. Wichtig ist auch das Engagement: Es ist ein Geben und Nehmen. Natürlich gibt es leider Orte, an denen nichts zurückkommt, auch wenn man viel investiert. Aber in meiner Erfahrung ist es oft ein gutes Wechselspiel. Wer engagiert ist, gute Ideen hat und sich einbringt, wird auch gesehen und gefördert. Und nicht zuletzt finde ich es wichtig, dass man mit Personen, die gute Mentorinnen oder Mentoren sind, den Kontakt aufrechterhält und mit ihnen immer wieder in den Austausch geht. Das hat mir sehr geholfen.

Nora Bienz

Nora Bienz ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und Fachärztin für Intensivmedizin. Sie arbeitet am Berner Inselspital in der Universitätsklinik für Intensivmedizin als Spitalfachärztin. Seit 2018 ist sie im Rahmen des Programms «Coach my Career» freiwillig als Mentorin tätig, zudem ist sie Vorstandsmitglied der Berner vsao-Sektion.

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